Mittwoch, 16. September 2009
Teil- oder vollverdächtig? Geschrieben von Alain Blaes
in Datenschutz, Wirtschaft und Politik um
16:02
Kommentare (0) Trackbacks (0) Teil- oder vollverdächtig?Zur Vorratsdatenspeicherung ist eigentlich schon alles gesagt, eine ganz gute Zusammenfassung des Themas ist auf Wikipedia zu finden. Revitalisiert wird die Diskussion jetzt, weil das Verwaltungsgericht Köln die Hamburger HanseNet verpflichten will, die technischen Voraussetzungen zur Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung zu schaffen. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die rechtspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion in Bundestag, sagte schon 2007 zur Vorratsdatenspeicherung: "Ein vorprogrammierter Verfassungskonflikt." Rundumschläge des Staates untersagt die deutsche Verfassung, egal ob beim großen Lauschangriff, beim Bundestrojaner oder eben bei der Vorratsdatenspeicherung. Zu Recht, denn Rundumschläge machen aus normalen Bürgern Verdächtige, und seit dem 11. September 2001 sogar verdächtige Terroristen. Das will niemand, denn nicht der Bürger ist dem Staat Rechenschaft schuldig, sondern umgekehrt. So kurz und klar das Grundgesetz in dieser Hinsicht ausgelegt ist, so regelmäßig gibt es Vorstöße von Parteien, Fraktionen, der Regierung oder der EU, und so oft wundere ich mich, dass die ach so politisch versierten Akteure offenbar immer wieder versuchen, die Verfassung zu hintergehen. Glücklicherweise werden diese Vorstöße genauso regelmäßig vom Bundesverfassungsgericht kassiert oder zurechtgestutzt. Damit wäre ich dann wieder nur teilverdächtig. Die USA nehmen es wie gewohnt etwas legerer: Soeben berichtet die Washington Post, das Weiße Haus möchte den umstrittenen Patriot Act, also das acht Jahre alte, von der Bush-Regierung mit heißer Nadel gestrickte Anti-Terror-Gesetz, verlängern. Obwohl: Man ist "gewillt, zusätzliche Datenschutzbestimmungen in Betracht zu ziehen" – na gut, nur unter der Bedingung, dass sie "die Effektivität der Staatsgewalt nicht unterwandern". In der Praxis heißt das dann wohl wieder vollverdächtig. Dienstag, 8. September 2009Kleine SchwesterDatenschutz ist immer auch eine Frage der Weltanschauung. Nein, diesmal geht es nicht um Mehdorn oder Facebook, Lidl oder Google, diesmal geht es wirklich um die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens.
"Christian couples share email accounts to stay faithful". Christliche Ehepaare in den USA, so berichtet der Sydney Morning Herald, teilen E-Mail-Adressen und Passwörter. Nicht etwa, weil das vielleicht praktische Vorteile bietet – "weißt du welches Passwort ich bei Facebook habe?" – , sondern um der Moral eine Bresche zu schlagen. Sie wollen sich durch diese Kontrolle auf christicher Grundlage gegenseitig vor den ständig wachsenden Versuchungen des Internets bewahren. Sie wollen treu sein trotz Internet und E-Mail.
Man sage nun nicht: Darauf muss man erst mal kommen. Eine 40-jährige Krankenschwester aus Beverly, Mass. kennt sich mit diesen Versuchungen besser aus; sie wappnet sich: "It's what we believe as Christians: We are our brothers' keepers. It's about biblical accountability." Eine interessante, in sich durchaus stimmige Auffassung: Wenn die Welt aus lauter Versuchungen besteht und das Internet als riesige Dating- und Porno-Plattform erlebt wird, dann wird die Überwachung der Brüder und Schwestern zu einem Akt brüderlicher Nächstenliebe – von wegen großer Bruder. Und selber will man ja auch überwacht werden - man kennt sich doch! Solche bibelbasierte Nahkontrolle mag zwar sehr effizient sein, aber die bekannten Formen der Überwachung werden damit nur abgerundet, nicht überflüssig – und gerade in God's Own Country verlässt man sich darauf bekanntlich überhaupt nicht. Es muss schon sichergestellt werden, dass die Beteiligten ihre Weltanschauung immer und überall leben. Schließlich weiß man ja (wieder von sich selbst), dass der Geist willig ist, das Fleischliche aber allzu schwach. Übrigens: Man kann sich auch mehrere E-Mail-Accounts zulegen … Montag, 7. September 2009
Und grün des Lebens goldner Baum ... Geschrieben von Rainer Doh
in Datenschutz, PR und Kommunikation um
16:16
Kommentare (0) Trackbacks (0) Und grün des Lebens goldner Baum ...
Die Presseinformation stieß auf reges Interesse, beispielsweise bei Twitter und im heise-forum, wo sich 150 Nutzer an der Diskussion beteiligten. Da wir uns mit der Sache nur theoretisch beschäftigen konnten, waren wir auf die Einschätzungen von Praktikern aus Unternehmen und Rechenzentren gespannt. Überraschend war, dass die Praktiker sich offenbar gar nicht so recht einig darüber ist, wie es in der Praxis so zugeht: • Die einen meinten, das mit den Testdaten sei in der Praxis überhaupt kein Problem, man müsse die Entwickler doch nur eine Verpflichtungserklärung unterschreiben lassen, dann könne auch mit den Daten nichts passieren. • Andere berichteten, dass in der Praxis alles noch viel schlimmer sei, dass Unternehmen beispielsweise Original-Daten per E-Mail in die Testlabors schaufelten. • Wieder andere erklärten, dass schlimm oder nicht schlimm gar keine Frage sei, weil es in der Praxis zur Verwendung von Original-Daten für Software-Test ohnehin keine Alternaive gebe - "Was gibt es besseres zum testen als Echtdaten" Bis sich die Praxis einig ist, halten wir uns an Mephistopheles: Grau, theurer Freund, ist alle Theorie, Und grün des Lebens goldner Baum. Mittwoch, 2. September 2009
Die Daten-Soap (Folge 7): Parteien ... Geschrieben von Alain Blaes
in Die Daten-Soap, Wirtschaft und Politik um
15:15
Kommentare (0) Trackbacks (0) Tags für diesen Artikel: datenschutz
Die Daten-Soap (Folge 7): Parteien willkommen
SPD-Versprechen Stand heute:
Einige (CDU und SPD) analysieren das Surfverhalten ihrer Besucher mit Google Analytics – wieder fliessen die Daten zur Auswertung in die USA, die CIA dankt. Andere lassen die gesetzlich vorgeschriebene Datenschutzerklärung auf Kontaktformularen aus oder (wie die Grünen) passen bei der Auskunft, wo oder wie personenbezogene Daten verarbeitet werden. Für Parteien ist diese Auskunft gesetzlich verpflichtend. Die Studienautoren stellten "eine weitverbreitete Unkenntnis datenschutzrechtlicher Bestimmungen bei den Parteien" fest. Und sie schliessen ab: "Es liegt nahe, dass diese beiden Faktoren den Nährboden für die zahlreichen und vielfältigen Datenschutzverstöße bildeten." Naja, warum sollen die Parteien besser über Datenschutz Bescheid wissen als unsere Parlamentarier? Fortsetzung folgt ...
Dienstag, 1. September 2009
Die Integrität der Bürger steht ... Geschrieben von Alain Blaes
in Datenschutz, Wirtschaft und Politik um
12:21
Kommentar (1) Trackbacks (0) Die Integrität der Bürger steht auf dem SpielHeute tritt das neue Bundesdatenschutzgesetz in Kraft. Nach den massiven Skandalen im "Jahr des Datenmissbrauchs 2008" hat sich der Gesetzgeber bequemt, das bestehende Gesetz aufzupolieren. Viel mehr als Kosmetik ist es nicht, aber das Paragraphendickicht ist, ob absichtlich oder nicht, noch etwas undurchsichtiger geworden. Gewiss, der Verbraucher kann jetzt mit mehr oder weniger Aufwand erfahren, woher Werbefirmen seine Daten haben. Der Datenhandel an sich ist aber weiter erlaubt, und die richtige Kontrolle über seine Daten hat der Verbraucher damit immer noch nicht. Die Werbewirtschaft, die eine beispiellose Lobby-Kampagne durchgezogen hat, um den Gesetzgeber unter Druck zu setzen, erfreut's. Im Sinne der informationellen Selbstbestimmung ist das aber nicht. Beim Arbeitnehmerdatenschutz ist eigentlich noch weniger passiert, und die möglichen Strafen für Datenschutzsünder sind nach wie vor milde – zumal die Aufsichtsbehörden personell kaum aufgestockt werden. Gerade 2,5 Arbeitskräfte hat etwa die Datenschutzbehörde in Nordrhein-Westfalen – um 700.000 Betriebe zu kontrollieren. Die Gefahr, erwischt zu werden, ist also gering. Der Gesetzgeber hat versagt. Der eigentliche Skandal aber ist nicht der Hofknicks vor der Werbewirtschaft, die für ein weichgespültes Gesetz gesorgt hat. Der eigentliche Skandal besteht darin, ein hoffnungslos veraltetes Gesetz aus den 70er Jahren anpassen zu wollen – ohne das Bewusstsein, das Datenmissbrauch heute mit Datenmissbrauch vor 30 Jahren ungefähr soviel zu tun hat wie eine Muskete mit einem modernen Marschflugkörper. Die Datenhaltung im Zeitalter des Internets hat eine völlig andere Qualität als auf lahmen Großrechnern der 70er: Binnen Sekunden lassen sich heute Daten massenweise sammeln, duplizieren, weiterleiten, verknüpfen und analysieren. Nutzer- und Verhaltensprofile beliebig vieler Verbraucher lassen sich augenblicklich erstellen. Und weil private Daten im Web in Hülle und Fülle gespeichert sind, zum Teil einfach abrufbar sind, und sich diese Daten zudem mühelos verbinden lassen, entsteht ein mehr als explosives Gemisch. Denn die vollständige digitale Identität der Bürger kann damit missbraucht werden. Auch wenn "nur" ihre digitalen Spuren genutzt werden, steht ihre tatsächliche Integrität auf dem Spiel, denn digitale Spuren sind nichts anderes als das Abbild der realen Welt, genauso wie der ausgedruckte Kontostand tatsächlichem Geld entspricht. Mit ungewollter Werbepost hat das nichts mehr zu tun. Das hat der Gesetzgeber nicht berücksichtigt. Es wird Zeit, an einer modernen und von Grund auf neuen Novelle zu arbeiten. |
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