"Avatar" hat es offensichtlich geschafft: Der 3D-Blockbuster brach nicht nur alle Kassenrekorde, sondern hat das alte-neue Thema 3D zum Kino-Mainstream gemacht. 2009 kam ich bei NVIDIA-Events zwar mehrmals zum Vergnügen, 3D-Spiele, -Filmsequenzen und -Fotos zu sehen, „Avatar“ war aber mein erster 3D-Film in voller Länge. Rein aus beruflichem Interesse und ziemlich skeptisch ging ich in die Vorstellung – und musste dann zugeben, vom Film mitgerissen worden zu sein. In erster Linie hat mich angenehm überrascht, dass die stereoskopische (dreidimensionale) Darstellung richtig dosiert war – sprich, sehr, sehr niedrig. Ich hatte von Cameron, Erschaffer des Monumental-Schinkens Titanic, erwartet, wesentlich dicker aufzutragen. Doch die Tiefeneffekte waren bewusst moderat gehalten beziehungsweise die Tiefen-Ebenen wurden Schritt für Schritt dazu geschaltet. Zudem gab es nur wenige Stellen, in denen Objekte aus der Leinwand hervorragten oder davor schwebten.
Vor einigen Jahren sah ich eine 3D-Kurzproduktion in den Universal Studios in L.A., da sprangen einem alle 10 Sekunden Monster ins Gesicht und flogen schrottgefahrene LKWs um die Ohren – das 15-Minuten-Filmchen wäre aber kaum länger zu ertragen gewesen. Die moderate 3D-Darstellung des "Avatar" ist eine intelligente Bescheidenheit im sonst so effekthascherischen Hollywood.
Doch „Avatar“ ist mittlerweile auch mehr als gutes 3D-Entertainment: Der Film mauserte sich – trotz seiner viel einfacher gestrickten Story als etwa die von „Star Wars“ oder von „Herr der Ringe“ – zu einem sozialen Phänomen, indem er vielen, völlig verschiedenen Menschen eine Art Identifikationsbasis bietet. Kolumnistin Hung Huang beschreibt in China Daily, dass viele Chinesen sich mit dem Na'vi-Volk identifizieren, denn in China werden Bürger auch von erzwungenen Umsiedlungen betroffen. Stern-Autoren Schmidt und Teichmann formulieren dies so (4/10, 21.1.10): "Avatar ist platt genug, dass jeder alles versteht. Aber eben auch tief genug, dass jeder etwas Passendes darin findet." Und tatsächlich: Umweltschützer, Naturliebhaber, Ethnologen, Philanthropen, Pazifisten, Globalisierungsgegner, unter Burn-out-Syndrom Leidende, Hippies, Realitätsflucht-suchende Yuppies, US-Kritiker – jeder findet seine eigenen Botschaften im Film. Sogar die Tabakindustrie kann sich über die qualmende Wissenschaftlerin (Sigourney Weaver) freuen... beziehungsweise über den Erfolg ihrer Lobbyisten…
Auf der technologischen Ebene ist aber Avatar noch einen weiteren wichtigen Schritt gegangen: Für mich ist das der erste Film, in dem die Welten richtiger Darsteller und computergerenderter Figuren ineinander harmonisch verschmelzen. Manchmal denke ich zwar mit einer gewissen Nostalgie an die Zeiten zurück, als Filmkulissen noch real aufgebaut wurden und es nur echte Darsteller gab – wie etwa „Star Wars“ 1977 in der afrikanischen Wüste gedreht wurde, Raumschiffe und ganze Raumstationen aus Blech zusammengebastelt, alle Spezies des gesamten erschaffenen Universums von kostümierten, maskierten Darstellern verkörpert (sogar in dem 1 Meter hohen Roboter R2D2 steckte ein Schauspieler). Im „Avatar“ haben auch die Figuren, die im Film als rein computergerenderte Grafikgestalten vorkommen, reale Vorbilder. Deren Bewegungen, Mimik, Gestik wurden aufgenommen und flossen 1:1 in die Erstellung der Computergrafik-Gestalten ein. Dass viele Figuren im Film abwechselnd als reale Menschen und als Avatar vorkommen, verbindet nun die digitale und die reale Welt nahtlos. Ob der Film eine „Revolution des Kinos“ ist (wie manche Medien ihre Rezensionen titelten), ist fraglich, aber mit der Verschmelzung der beiden Welten und der 3D-Sicht (die an sich die einzig reale ist, sehen wir doch die reale Welt in 3D) hat der Film wirklich etwas Großartiges erreicht.