Medienkrise heißt nicht nur, dass Zeitungen oder Zeitschriften, auch renommierte, den Betrieb einstellen, Es gibt auch das Dehydrieren von Medien, die schleichende Austrocknung. Dann bleibt von einem vormals blühenden Titel allmählich nur noch eine traurige Hülle übrig. Dies geschieht vor allem durch einen radikalen Abbau der Redaktionen beziehungsweise durch das Abdrängen der Redakteure ins Tagelöhnertum. Was nicht ohne Folgen für die Inhalte bleibt. Deren Qualität sinkt, mitunter stürzt sie auch regelrecht ab. Womit über kurz oder lang die Existenzgrundlage dieser Titel wegbröckelt.
Dass das aber nicht zwangsläufig so sein muss, erfuhren wir letzte Woche von Bodo Hombach, dem Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe und überdies Medienmeinungsmacher ("Mit seinen klaren Worten gilt Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ Mediengruppe in Essen, als wichtiger Meinungsmacher in der Medienbranche"). Hombach gewährte dem Portal der WAZ-Mediengruppe "Der Westen", sozusagen hausintern, ein Interview und zum Ende des Gesprächs wurde der Redakteur gegenüber seinen Big Boss fast schon frech: "Immer mehr Verlage streichen Arbeitsplätze, immer weniger Redakteure müssen mehr Seiten füllen …" Bemerkenswert wie Hombach konterte:
Hombach: Qualität ist nicht gleich Quantität. Ich wundere mich über Aussagen, dass nur viele Menschen gemeinsam journalistisch hochwertig arbeiten können. Dabei sehe ich den Beruf des Journalisten als einen sehr kreativen Beruf an, etwa wie ein Opernsänger oder ein Maler. Wird die Oper besser, nur weil fünf Geiger mehr auf der Bühne sitzen? Wird das Bild des Malers besser, wenn zwei weitere mitmischen? Ich denke nicht. Tolles Schreiben ist das, womit der Journalismus punktet. Und durch Recherche, Themen und Präsenz.
Auf auf die Gefahr hin, dass Hombach nun auch von mir enttäuscht ist ("Vom Bloggen bin ich sehr enttäuscht"), muss ich als eingeschworener Opern-Fuzzi hier doch ein paar Dinge gerade rücken:
• Geiger sitzen in der Oper nicht auf, sondern vor der Bühne.
• Es gibt Opern, in denen auch die Zahl der Instrumente wichtig ist. Und es kommt ganz, ganz selten vor, dass ein kreativer Bariton nach einer Arbeitsplatzkonsolidierung auch noch die Rolle des Soprans übernimmt – eigentlich nie (das mit der Oper, lieber Bodo Hombach, war also ein ganz schlechtes Beispiel).
• Und grundsätzlich, also auch außerhalb der Oper gilt: Wenn Quantität gleich Qualität wäre (hat das irgendjemand mal behauptet?), gäbe es dafür nicht zwei verschiedene Begriffe. Dass Quantität nicht gleich Qualität ist, heißt nicht, dass Quantität keine Rolle spielt (bestes Beispiel dafür: Geld – wegen dessen Quantität Hombach ja auch die Zahl seiner Redakteure herunterfährt).
• Und dann die Sache mit den Malern: Es erwartet ja niemand, dass an einem Artikel mehrere Journalisten herumpfriemeln, aber es ist da so wie bei den Malern: mehr Maler heißt mehr Bilder (oder Wände, je nachdem).
Natürlich ist trotzdem klar, worauf Hombach hinauswill – "Allein knapp 300 Stellen wurden in den Redaktionen der NRW-Zeitungen gestrichen."
Nachtrag:
Nach zwei kritischen Kommentaren zum Hombach-Interview wurde die Kommentarfunktion auf der betreffenden WAZ-Web-Seite ausgeknipst und die betreffenden Beiträge gelöscht. Da war wohl wieder jemand "sehr enttäuscht", diesmal vom Kommentieren.