Donnerstag, 23. Mai 2013
Mitdenken erlaubt!? Geschrieben von Silke Ponert
in Sprechen und Schreiben um
14:39
Kommentare (0) Trackbacks (0) Mitdenken erlaubt!?Sie ist derzeit in aller Munde bzw. in allen Medien: Googles Autocomplete-Funktion: Direkt beim Tippen des Suchbegriffs werden dem Google-Nutzer basierend auf Anfragen anderer User weitere Wörter zur Vervollständigung der Suchanfrage vorgeschlagen. Moment mal – das Phänomen kennen wir doch auch aus anderen Bereichen unseres Alltags! Gebe ich in MS Outlook einen Empfänger ein, versucht das Mailprogramm mit gesammelter binärer Kombinationslogik zu erraten, wen ich mit meiner Nachricht erreichen möchte. Beim Online-Shoppen hat das schwedische Modehaus sofort Tipps parat, welche stylishen Schuhe oder hippe Handtasche mein Ausgeh-Outfit komplettieren. Auch fernab der digitalen Welt vervollständigt sich manches wie von selbst: Beim Stammitaliener gibt’s meine Speziale immer gleich mit einer Extraportion Parmesan obendrauf und die beste Freundin könnte viele meiner Sätze an meiner Stelle für mich beenden (gilt natürlich auch umgekehrt). Schon praktisch. Dieses Feature erspart einiges an Getippe und macht auch sonst das sowieso schon komplizierte Leben leichter. Allerdings gibt es wie immer aber auch Haken. So wandern neben dem Kleid dann schließlich auch gleich ein paar neue Accessoires in meinen Einkaufskorb und ich gebe am Ende mehr Geld aus als geplant. Fleißarbeit droht, sollte ich einmal keinen Appetit auf gut gereiften Käse haben: Mühselig muss ich die Späne von der Pizza klauben. Und sicher kennt jeder die Panik, die einen überkommt, wenn man bemerkt, dass dank eines ungelenkten Mausklicks nun nicht die Kollegin, sondern der Marketingleiter des Kunden die minutiöse Schilderung des Dates gestern Abend im Posteingang findet. Warum Bettina Wulff und viele weitere mehr oder minder prominente Kläger gegen Googles Autocomplete sogar gerichtlich vorgehen, dürfte auch bekannt sein (für alle, die in den vergangenen Monaten von medialem Input abgeschnitten waren nochmal kurz zusammengefasst: Durch die automatische Erweiterung von Google-Suchanfragen werden Namen mit Begriffen in Kontext gebracht, die sich negativ auf den Ruf der gegoogelten Person auswirken könnten. Dies verletzt Persönlichkeitsrechte). Ist dies nun ein Plädoyer, alle googleartigen Vollständigungsautomatismen (da geht Autocomplete doch definitiv leichter über die Lippen) zu verbieten? Nein, das wäre auf jeden Fall übertrieben – aber manchmal ist es nicht schlecht, selbst mitzudenken. Freitag, 15. März 2013Rad abDer schlimmste Vorwurf, den man einem Softwareentwickler machen kann ist, er würde das Rad neu erfinden wollen. Das Rad neu erfinden ist so ziemlich das Gegenteil von innovativ, eine Arbeit, die man sich hätte sparen können, wenn man auf Vorhandenes zurückgegriffen hätte – Stichwort Wiederverwendbarkeit. Ich mochte diese Metapher nie. Zum einen, weil im neu erfundenen Rad immer auch ein Stück Hybris steckt. Das Rad ist immerhin die Erfindung der Menschheit, zusammen mit dem Feuer und dem iPhone. So etwas erfindet man nicht jede Woche. Mit einem Zwanzigzeilencode für einen rotierenden Button schreibt man so und so nicht Menschheitsgeschichte. Zum anderen gilt: Was erfunden ist, ist nun mal erfunden; "neu erfinden" geht per Definition nicht, Rad oder nicht Rad. Und nun das:
Freitag, 30. Dezember 2011
2500 Jahre Wandel Geschrieben von Rainer Doh
in Sprechen und Schreiben um
17:33
Kommentare (0) Trackbacks (0) Tags für diesen Artikel: sprache, sprachwandel
2500 Jahre WandelAlles verändert sich, nur eines bleibt gleich: die Veränderung. Nein, besser als philosophisch kann man ein neues Blog-Jahr nicht beginnen. Anders ausgedrückt: Nur der Wandel ist konstant. Oder mit einem Google-Faktor von 263.000 die beliebteste Version: Nichts ist so beständig wie der Wandel. Ein Sinnspruch mit Tradition, wird er doch auf Heraklit von Ephesos zurückgeführt, also schon seit 2500 Jahren in Texte unterschiedlichster Art mehr oder weniger nahtlos implementiert. Doch trotz langer Reifezeit hat der Satz nicht recht, weil er etwas Wesentliches unterschlägt: Beständig ist nämlich nicht nur der Wandel, sondern auch seine beständige Wiederkehr in allen nur denkbaren Sinnzusammenhängen. Ein Heraklit passt einfach immer:
Der ideale erste Satz, themenunabhängig universell verwendbar:
Heraklit passt eigentlich immer, zu Cloud Computing und zu SAP, zu Festplatten und zum Öffentlichen Nahverkehr. Besser gesagt, er passt fast immer:
"Zeit für Geschmack" ist aber nicht auch von Heraklit, oder? Man kann den Heraklit natürlich auch ganz sinnfrei verwenden:
Und es geht noch besser:
Auch die Konstante ist nur eine Form des Wandels, darauf muss man erst mal kommen - weshalb bei Herrn Weidmüller der "Wandel" ganz zu Recht eine Trademark hat. Mein persönlicher Favorit ist und bleibt aber diese Adaption:
"Alle Jahre wieder" ist aber definitv nicht von Heraklit. Montag, 25. Juli 2011
Wirsing-Bashing Geschrieben von Rainer Doh
in Sprechen und Schreiben um
10:44
Kommentare (0) Trackbacks (0) Tags für diesen Artikel: anglizismen, sprache
Wirsing-BashingAn diesem Montagmorgen wollen wir die Leser dieses Blogs an einer internen Diskussion teilhaben lassen. Es geht, wie so oft, wenn die Meinungen aufeinanderprallen, um Anglizismen – konkret darum, ob der Begriff "Bashing" in der Überschrift einer Presseinformation vorkommen darf. Einerseits ist es natürlich ein lupenreiner Anglizismus und als solcher tunlichst zu vermeiden, andererseits sind die möglichen Synonyme allesamt nicht so recht tauglich: "schelten" ist klar zu schwach, "fertigmachen", "runterputzen", "niedermachen" oder gar "zur Sau machen", das geht ja alles auch nicht. Zur Lösung haben wir eine kurze Presseschau vorgenommen und Erstaunliches festgestellt. So gut wie alles, was Rang und Namen hat in der deutschen Medienwelt, ist beim "Bashing" mit dabei (hier nur eine kleine Auswahl): Süddeutsche:
FTD:
Manager Magazin:
Die Welt
Die Zeit
Ja, wenn es so ist, wenn also sogar die "Zeit" mitmacht, dann können wir uns das Bashing-Bashing sparen. Offenbar ist dieses Bashing mittlerweile ein deutsches Wort, wie Fasching und Wirsing. Montag, 20. Dezember 2010
Hosenträger Geschrieben von Rainer Doh
in Sprechen und Schreiben um
18:40
Kommentar (1) Trackbacks (0) HosenträgerUnser Unternehmen stellt Hosenträger her. Nein, das klingt missverständlich, wir sind ja keine 1-Produkt-Firma. Wir haben ja auch schon mal Schnürsenkel verkauft. Und künftig könnten auch noch Gürtel dazukommen. Unser Unternehmen stellt also Hosenträger, Schnürsenkel und Gürtel her. Immer noch missverständlich, denn wir verkaufen die Dinger ja auch. Und überhaupt: das klingt so banal. Dann vielleicht so: Wir produzieren und vertreiben ein umfangreiches Portfolio von Befestigungslösungen. Schon besser. Noch besser wäre es, den Kundennutzen in den Vordergrund zu stellen. Also: Wir produzieren und vertreiben anspruchsvolle Lösungen, mit denen unsere Kunden ihre Befestigungsprobleme lösen können. Nicht übel. Aber auch nicht ganz gut: zweimal "lösen" und es sieht so aus, als hätten wir Kunden mit Problemen. Das könnte man dahingehend missverstehen, als hätten wir selber Probleme. Also: Wir produzieren und vertreiben führende Lösungen, mit denen unsere anspruchsvollen Kunden ihren Erfolg im Bereich Befestigung steigern können. Sehr gut! Aber "Befestigung" ist immer noch sehr produktlastig. Außerdem reparieren wir auch Hosenträger, das kommt zu kurz. Dann so: Wir entwickeln, produzieren und vertreiben anspruchsvolle Lösungen und kundennahe Dienstleistungen mit denen unsere weltweit führenden Kunden ihren Erfolg nachhaltig und langfristig steigern können. Prima! Aber immer noch zu kurz. Und vielleicht kundenfokussiert statt kundennah? Dann eben so: Wir produzieren und vertreiben ein anspruchsvolles Portfolio von konsequent kundenfokussierten Lösungen und Dienstleistungen, die unseren weltweit führenden Kunden dabei helfen, ihren Erfolg im Markt nachhaltig und langfristig steigern zu können. Perfekt, das kann jetzt so in die Pressemeldung. Außerdem müssen wir es nicht ändern, wenn wir mal in Duftkerzen, Winterreifen oder Kraftwerken machen. Freitag, 16. Juli 2010
Amerikaner sind nett, und ihre ... Geschrieben von Alain Blaes
in PR und Kommunikation, Sprechen und Schreiben um
11:48
Kommentar (1) Trackbacks (0) Amerikaner sind nett, und ihre Presseinfos auchDas erste, was einem als Neuankömmling in den USA auffällt, ist die überwältigende Freundlichkeit. Wo auch immer man sich bewegt, man wird geradezu überrannt mit Aufmerksamkeit: "It's really great to meet you. Oh, you come from Europe? Awesome. I've been to Paris/Munich/Barcelona/Rome/usw. recently. What do you do? Really? Welcome to the neighborhood. If you need anything, please call me", samt Überreichung der Visitenkarte. Das ist nicht nur im Bekanntenkreis so, sondern auch beim Shoppen, und sogar im noblen Saks Fifth Avenue in Boston: "Hi, my name is Lucy. Oh, you come from Germany? That's great. I've been to Paris 20 years ago. Where do you live in Boston? Oh my God, me too. This is my phone number and my e-mail address. If you need anything, please call me." Wir haben Lucys halbe Lebensgeschichte erfahren und konnten uns von der verbalen Umklammerung nur schwer lösen. Im Massenbetrieb Supermarkt geht es etwas zurückhaltender zu, aber die obligatorische Floskel "How are you? Good, how are you? Good, thank you" ist allgegenwärtig.
![]() In den USA ist alles anders
Und so sind auch amerikanische Presseinformationen mit ihren überschwänglichen Quotes à la "We are so excited…": Sie waren nie dazu gedacht, veröffentlicht zu werden, niemand erwartet es, und es passiert auch nicht. Die Intention ist vielmehr, einfach nur freundlich zu sein, genauso wie der Kassierer mit "How are you?" und Lucy mit "Call me anytime." Reflex-bedingte Nettigkeiten ohne tieferen Hintergrund, beruhend auf einem gesellschaftlichen Konsens. Das ist nun einmal so und ist auch solange ok, bis das deutsche Management der Meinung ist, Presseinformationen müssten inklusive der Quotes wortwörtlich übersetzt werden und müssten womöglich auch in dieser Form in den Medien erscheinen. Dem liegt ein großes Missverständnis zu Grunde, das aus einer unverbindlichen Nettigkeit eine verbindliche Aussage ohne nennenswerten Inhalt macht. Im besten Fall wird eine solche Quote von der deutschsprachigen Presse herausgestrichen, im schlechtesten Fall die komplette Presseinformation ignoriert. Freitag, 9. Oktober 2009
Ordnung und Harmonie Geschrieben von Rainer Doh
in Sprechen und Schreiben um
14:55
Kommentare (0) Trackbacks (0) Ordnung und HarmonieNun müssen wir uns also auch noch in die Koalitionsverhandlungen einschalten. Denn da gibt es zwei Dinge, die so nicht stehen bleiben können, weil sie einfach nicht zusammenpassen: 1. Ding: Die FDP möchte bekanntlich ein neues Steuersystem, eines, das "niedriger, einfacher und gerechter" sein soll. Oder stellvertretend für 42.000 Fundstellen gleich Originalton Dr. Westerwelle: "Als erstes würde ich das Steuersystem grundlegend verändern, es einfacher, niedriger und gerechter machen." 2. Ding: Im Grundgesetz sollen nach dem Willen der Kulturpolitiker von Union und FDP Kultur als Staatsziel und ein spezieller Schutz der deutschen Sprache verankert werden. Diese zwei Dinge passen nicht zusammen: Wenn schon Deutsch, dann doch bitte richtig. Deshalb, verehrte entstehende Koalition, lieber Dr. Westerwelle, geschätzte Medien, die ihr alles 1000fach nachsprecht: Es mag ein "einfacheres" Steuersystem geben und vielleicht auch ein "gerechteres", aber ein "niedrigeres Steuersystem" – was soll das denn sein? Eines, das nur 80 cm groß ist? "Es ist Deutschland hier!" und hier können nur die Steuern niedrig sein, nicht aber die Steuersysteme. Wir bitten dies bei der Aushandlung des Koalitionsvertrages zu beachten. Vor Zuwiderhandlungen können wir nur warnen: "Wenn dich der Fürst von Wei bitten würde, die Regierung zu übernehmen, was würdest du zuerst beginnen?"' "Zuerst', antwortet der Meister, "müssen die Begriffe richtig bestimmt werden. Wenn die Begriffe nicht richtig bestimmt sind, stimmen die Aussagen nicht mit den Tatsachen überein; wenn die Aussagen nicht mit den Tatsachen übereinstimmen, sind die Geschäfte schlecht zu führen; wenn die Geschäfte schlecht zu führen sind, gedeiht keine Ordnung und Harmonie; wenn keine Ordnung und Harmonie gedeiht, wird Gerechtigkeit zu Willkür; wenn Gerechtigkeit zu Willkür wird, weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen." Das sagt jedenfalls Konfuzius. Freitag, 7. August 2009
Von Abhorsten bis Zumwinkeln Geschrieben von Anna von Krockow
in Sprechen und Schreiben um
09:29
Kommentare (0) Trackbacks (0) Von Abhorsten bis ZumwinkelnDie Ausdifferenzierung von Wikipedia schreitet unaufhaltsam voran. Vom freien Wörterbuch Wiktionary über das Bücherportal Wikibooks und die Quellensammlung Wikisource bis hin zur Lernplattform Wikiversity – der Aufklärung im Netz sind keine Grenzen gesetzt. Nun also Szenesprachenwiki. Das klärt Unkundige in diversen Kategorien über die neuesten Wörter der Szenesprache auf. Während sich die Rubrik "Computer & Technik" als durchaus hilfreich erweist und dem DAU ("Dümmster anzunehmender User", abgeleitet von GAU bezeichnet dies einen Computeranwender ohne jegliches Grundverständnis) Pingen und Poken erläutert, überwiegt in den übrigen Kategorien hingegen der Unterhaltungswert. Interessant zu wissen, dass es sich bei einer "Büffelhüfte" aus der Kategorie "Partnerschaft und Freundschaft" um eine dicke Frau mit ausladendem Becken handelt. Die wiederum Vorteile bei der Geburt des "Backup-Kindes" haben dürfte – "Jedes Kind, das nach dem ersten Kind gezeugt wird." Namensträger von "Atze" ("Ein Freund, der immer an deiner Seite steht und dich beschützt. Auch: ein sehr kräftiger, gutgebauter Mann.) mögen sich an der Kategorie "Feierabend und Nachtleben" erfreuen, Ulf ("Looser, Vollpfosten, Gelenksteffen") und "Horst" ("Trottel, abwertende Verwendung des bekannten Vornamens") dürften es dagegen wenig latscho finden und die Kategorie "Schule und Uni" meiden. Mittwoch, 29. April 2009
Lob der digitalen Welt! Geschrieben von Rainer Doh
in Sprechen und Schreiben, Technologie und Märkte um
09:43
Kommentare (0) Trackbacks (0) Tags für diesen Artikel: digitalisierung
Lob der digitalen Welt!Unsere Welt wird zunehmend digitalisiert. Die Vorteile dieser Entwicklung macht eigentlich erst ein Phänomen so richtig deutlich, das seit einiger Zeit durch die Presse geistert: der Analog-Käse. Dabei handelt es sich laut FAZ um "eine Masse, die täuschend echt die Konsistenz und das Aroma von Käse imitiert, außerdem billiger ist und bei großer Hitze nicht so schnell anbrennt". Das Zeug besteht aus Pflanzenfetten, Eiweiß und Aromastoffen und wird zum Beispiel auf Pizza oder auf Gebäck geschmiert. Möge die Digitalisierung weiter voranschreiten und möglichst schnell auch diese analoge Innovation der Lebensmittelindustrie erfassen. Freitag, 2. Januar 2009
Zeitfenster Geschrieben von Rainer Doh
in Sprechen und Schreiben um
17:23
Kommentare (0) Trackbacks (0) Tags für diesen Artikel: sprachwandel, stil
ZeitfensterWenn man sich über Sprache auslässt, besteht immer ein wenig die Gefahr, dass man nostalgisch dem Gestrigen nachtrauert. "Früher", als alles noch besser war, wurde noch ordentlich gesprochen und sowieso schöner geschrieben. Goethe, Herder, Lessing, ach! Thomas Mann, Karl Kraus, Kurt Tucholsky, ach! Und schon ist man auf dem Weg zum Sprach-Reaktionär. Aber erstens war früher auch nicht alles Gold ("Heiße Magister, heiße Doktor gar, / Und ziehe schon an die zehen Jahr ..." – na ja, zehen Jahr klingt schon recht sonderbar. Oder etwa diese Entgleisung: "Dass ich erkenne, was die Welt / Im Innersten zusammenhält, / Schau alle Wirkenskraft und Samen, / Und tu nicht mehr in Worten kramen." Da hätte der Dichterfürst gut daran getan, noch ein Weilchen länger zu kramen). Zweitens entwickelt sich eine Sprache nun mal weiter, andernfalls ist sie tot wie Manx oder Eyak (?? – eben!). Und das will doch auch keiner. Da ohnehin immer wieder Wörter wegsterben (z.B. der Knabe, die Wählscheibe, der Müßiggang – mehr davon im "Lexikon der bedrohten Wörter" von Bodo Mrozek) und neue Wörter meist Anglizismen sind, wie etwa Tsunami oder Harakiri, ist es sehr begrüßenswert, dass immer wieder auch neue deutsche Begriffe entstehen. Ein gelungenes Beispiel für eine derartige Weiterentwicklung ist das "Zeitfenster". Ich verwende Z. gern. Es ist ein einfacher und zugleich ausdrucksstarker Begriff, der die Zeitdauer mit der Möglichkeit verbindet. Z. ist universell verwendbar, eindeutig, stilistisch unproblematisch und nur durch eine umständliche Umschreibung zu ersetzen ("… eine für ein bestimmtes Ereignis zur Verfügung stehende Zeitspanne"). Aber Achtung: Z. werden wie alle Fenster nicht verringert, sondern geschlossen oder verkleinert. Beispiel aus der IT gefällig? "Kleines Zeitfenster für Verkauf der Western-Wireless-Töchter" (gefunden auf heise.de) Wie will man das ohne Z. so kompakt ausdrücken? Geht nicht. Oder: "Sicherungen auf Band überschreiten oft das Zeitfenster für die Datensicherung und sind fehleranfällig" (dell.de). Für eine alternative Formulierung müste man schon tief in der Wörterkiste kramen. Und Z. ist tatsächlich ein Fortschritt der deutschen Sprache – Goethe kannte das Z. zum Beispiel nicht. "Heiße Magister, heiße Doktor gar, / Das Zeitfenster währte an die zehen Jahr ..." - nein, das ist immer noch schlecht. Mittwoch, 17. Dezember 2008
Akzentstreifen in Rosa Geschrieben von Alain Blaes
in Sprechen und Schreiben, Technologie und Märkte um
18:12
Kommentare (0) Trackbacks (0) Akzentstreifen in RosaWas viele Consumer-orientierte Branchen schon längst wissen (Design ist gleich Umsatzfaktor), entdeckt jetzt offenbar auch die IT-Industrie. Neben Apple (MacBook) und Sony (Vaio) hat sich in den letzten Jahren ja kaum ein Anbieter getraut, in Design zu investieren. Die Folge: dröger, grauschwarzer Plastikeinheitsbrei, der unverständlicherweise reißenden Absatz findet. In seltener Übereinstimmung ignorieren Millionen von Usern tagtäglich die Hässlichkeit ihrer Rechenkästen. Den Sinn für Ästhetik blenden sie beim Notebook erfolgreich aus. Was die Psychologie wohl dazu sagt? Langsam trauen sich die IT-Hersteller aber aus den Designlöchern. Sie werden mutig! Was allein Dell in den letzten Monaten an neuen Designs auf den Markt gebracht hat, ist atemberaubend: Formen und Farben stehen im Mittelpunkt, man beauftragt sogar renommierte Künstler für das Design der Rechner. Auch die Sprache ändert sich: „Schicke Accessoires unterwegs, stylishes Design zu Hause“, „Hipe Notebooks im lebensechten Tattoo-Design“, „Motive von Mike Ming“ oder „der Kunde entscheidet sich für den hochglänzenden Farbton Graphit-Grau, den er beliebig mit Akzentstreifen in den Farben Schwarz, Rot, Blau oder Rosa kombinieren kann“. Auch andere in der Branche schlagen zu, etwa Festplatten-Hersteller. Einst glanzlose Peripherie-Anbieter, bieten sie heute „das perfekte Zubehör für die stilbewusste Generation“ an, so zum Beispiel Toshiba. Schicke Accessoires, Tatoo-Designs, Stilbewusstsein, Akzentstreifen in Rosa? Wie bitte? So parliert die Fashion-Branche!
Dienstag, 9. Dezember 2008
Der Kampf geht weiter! Geschrieben von Rainer Doh
in Sprechen und Schreiben, Wirtschaft und Politik um
18:13
Kommentar (1) Trackbacks (0) Der Kampf geht weiter!Unermüdlich bemühen wir uns um eine schöne Schreibe (= "gutes Deutsch!"). Aber leider finden wir dafür nicht überall Unterstützung: "... im schlimmsten Fall würden Milliardenkredite platzen und in die Bilanzen der Landesbank hauen." (SZ 20.11.08; S. 17). Geld weg, ok - aber deswegen tut man doch nicht mitten in's gute Deutsch hauen! Doch es gibt auch gute Nachrichten - manchmal da, wo man es gar nicht vermutet. So schritt ich kürzlich am Rande eines Gebüschs, als ich unversehens eines Schildes gewahr wurde:
"Solche und ähnliche Handlungen sind nicht zulässig" - ist das nicht wunderschön formuliert? Sind solche und ähnliche Sätze nicht ansteckend schön? Nur noch eine kleine Bitte an den unbekannten Autor: gelegentlich mal das Schild abwischen. Dieser Satz hat's wirklich verdient. Letzte Woche hörten wir dann noch aufregende Nachrichten zu diesem Themenkomplex: "Die Sprache in der Bundesrepublik ist Deutsch." So soll es künftig im Grundgesetz stehen. Verfassungsrang! Supi! Kuhl! Aber wieder einmal bleibt die Politik auf halber Strecke stehen. Warum Deutsch, warum nicht gutes Deutsch? Kein Wunder, wenn dann jeder daherlabert wie er will. Und am Ende werden womöglich noch "Abverkauf", "Sinn machen", "Themenkomplex" und dieses "nichtsdesto..." unter Sprachschutz gestellt.
Dann gehen wir stracks nach Karlsruhe: "Sie betreten ein Sprachschutzgebiet ... solche und ähnliche Schreibe ist nicht zulässig!" "Die Sprache in der Bundesrepublik ist gutes Deutsch ohne Smilies." Wo kann ich unterschreiben? Dienstag, 2. Dezember 2008
Schreibe und Spreche Geschrieben von Rainer Doh
in Sprechen und Schreiben um
11:43
Kommentar (1) Trackbacks (0) Tags für diesen Artikel: IT-Terminologie, Software
Schreibe und SprecheRund 50 Jahre gibt es die IT mittlerweile schon und es wäre verwunderlich, wenn sie nicht auch eine eigene Begriffswelt entwickelt hätte. Nein, es geht heute nicht um Anglizismen, sondern um eine besondere Sorte von Germanizismen. Software-Schmiede Die "Software-Schmiede" ist schon ein seltsamer Begriff. Ursprünglich war das ironisch gemeint, Software und Schmieden liegen ja gedanklich ziemlich weit auseinander. Doch der Begriff hat sich ganz ernsthaft als Synonym für Software-Hersteller festgesetzt und kommt mittlerweile auf einen Google-Faktor von 127.000. Sicher, man muss das Eisen schmieden, so lange es heiß ist, aber nach 25 Jahren ist diese Schmiede einfach ausgelaugt. Man könnte Software zur Abwechslung vielleicht mal "nähen" und auch eine "Software-Strickerei" wäre denkbar, wo doch vieles – und jetzt kommt's – "mit heißer Nadel gestrickt" ist. Oder wie wäre es mit einer "Software-Küche"? Auch da geht es heiß her und viele Köche verderben … und mancher hat sich mit dem Produkt auch schon die Finger verbrannt. Software-Plantage wäre eine andere Idee, wenn's denn unbedingt ein Bild sein soll. Oder Software-Bäckerei, notfalls auch Software-Klempnerei (aber dann bitte nicht wieder 25 Jahre lang!). Bloß Software-Schmiede, das geht wirklich nicht mehr. Ringende Hände Was für eine schönes Wort ist dagegen "händeringend" – man hat sofort zwei in einen Ringkampf verwickelten Hände vor dem geistigen Auge (das hätte Dürer malen sollen, nicht diesen händischen Langweiler, der seit 500 Jahren herumhängt). Allerdings ist das Wort in der Praxis deutlich unterfordert, denn es tritt zu 99,99 % in einem einzigen Kontext auf: Mit den Händen ringen heißt stets und immer suchen – niemand grübelt händeringend – und zwar nahezu außschließlich Personal. Unternehmen suchen HÄNDERINGEND nach Fachkräften, Softwareentwicklern, Beratern, Bauingenieuren, Firmennachfolgern, Spieleentwicklern, Azubis, Kellnern, COBOL-Programmierern usw. Niemand sucht händeringend nach Aufträgen, nach Kunden, nicht einmal die Banken haben jüngst händeringend nach Geld gesucht und Softwareentwickler, die händeringend nach Fehlern suchen, gibt's sowieso nicht. Aber halt, im Web (wo sonst?) tut sich was: Unter www.daskochrezept.de sucht "Bubumaus" (?) "händeringend Champignonsrezepte" und in Berlin wird "händeringend der kleine Ikea Markör TV-Tisch" gesucht. Ich korrigiere mich also auf 99,98 %. In Sachen Markör (das sind erst schöne Begriffe! Können wir nicht für irgendetwas den "Software-Markör" einführen?) kann ich Bubumaus leider nicht dienen; aber bezüglich der Champignonsrezepte konnte eine gewisse Marion den ringenden Händen schon mit einem Jägerbraten weiterhelfen. Zombies unter uns Nichtsdestotrotz hat zwar keine spezifische IT-Affinität, aber nichtsdestoweniger führe ich es hier an. Ich gebe gerne zu, dass ich diesen Blog nur begonnen habe, um endlich wieder mal gegen dieses unste aller Unwörter zu Felde ziehen zu können. Inhaltlich hat Wikipedia eigentlich schon alles Nötige gesagt: "Durch häufigen Gebrauch ist vielen Menschen nicht mehr bewusst, dass es sich dabei nicht um eine ernsthafte Wortbildung handelt." Aber es hilft nichts: das Wort vermehrt sich trotzdem wie die Wasserpest. Neulich habe ich es sogar in der Tagesschau gehört! "Nichtsdestotrotz", das Wort muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – nichts und dann noch trotz. Eine Verballhornung, ein grässlicher Wortzombie, der mittlerweile – oh Abendland! – sogar dudenfähig geworden ist. Das haben wir gern: Ein Unwort hoffähig machen und dann verschämt "ugs." dahinter schreiben! Google-Faktor 920.000, Tendenz steigend! Den ultimativen Beitrag zu dieser Problematik steuert aber Welt-online bei. Hier wird der Leser Heribert Dietzler mit einem interessanten Aspekt zitiert: "Eigentlich gibt es ‚nichtsdestotrotz‘ gar nicht. Wenn es die Verbindung dieser drei Wörter gäbe, müsste sie richtigerweise ‚nichtsdestotrotzer‘ heißen, weil auf ‚desto‘ ein Komparativ folgt, also die Höherstufe eines Adjektivs." Und Welt-online ergänzt: "Im Prinzip hat Leser Dietzler recht, denn es heißt grammatikalisch korrekt: Je mehr Seiten ein Buch hat, desto dicker (und nicht: desto dick) ist es." Nichtsdestotrotzer, soweit kommt's noch! Endlich wieder ein neues Wort Es gibt aber nicht nur schöne und ganz unschöne Worte, es gibt auch immer wieder neue Worte. So schreibt die SZ am 16.10.08 (nicht im Web, sondern im Druck) in ihrem Wirtschaftsteil einen Kommentar über kostenpflichtigen Verbraucherschutz, dieser böte dem Konsumenten "… echte Beratung. Und keine Verkaufe." Wunderbar – die "Verkaufe". Es ist tatsächlich ein Substantiv, also nicht wie: ich verkaufe meine Stereoanlage. Die Verkaufe, ist eine echte Innovation im Geiste der "Denke" und eine richtig schöne Schreibe. Warum auch nicht, es heißt ja auch "meine Rede", "deine Reise" und "unsere Küche". Obwohl – vielleicht müsste es korrespondierend zu Beratung doch besser "Verkaufung" heißen. Aber dann müssten wir womöglich Reise in Reisung ändern. Da sprechen wir lieber von der "Berate": "Der Kunde verlangte für sein Projekt eine erstklassige Berate" – klingt nicht gar nicht so übel, wenn man sich mal daran gewöhnt hat. "Gute VARs ergänzen die Verkaufe durch umfangreiche Berate." Zur Sicherheit fragen wir trotzdem noch nach der Meine von Heribert Dietzler – händeringend. |
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