Vor einiger Zeit haben wir uns hier mit dem Thema Roaming auseinandergesetzt. Anfang der Woche gab es zu diesem Thema einen schönen und sehr lesenswerten Beitrag von Marcus Rohwetter auf Zeit Online:
Das globale Dorf ist die Fata Morgana des Internetzeitalters, und für Datentransfers in ferne Länder werden die Mobilfunker noch viele Horrorrechnungen verschicken. Dabei sind die Netzbetreiber selbst so global wie sonst nur wenige Unternehmen. Die spanische Telefónica bedient knapp 200 Millionen Mobilfunkkunden in zwei Dutzend Ländern, das Handyimperium der Deutschen Telekom reicht von Bonn bis nach Albanien. Die britische Vodafone und die französische Orange treten sogar als einheitliche Marken in jeweils etwa 30 Ländern auf, rund um die Welt. Ein Netz, eine Familie, lautet ihre Botschaft. Die Konzerne geben sich als echte Global Player, doch ihr Gebührensystem ist so übersichtlich wie die Landkarte Zentraleuropas im ausgehenden Mittelalter.
Das freut uns natürlich riesig, wenn ein so großer Laden wie die Zeit unsere Themenvorschläge aufgreift. Erstaunt waren wir über die Reaktionen der Zeit-Leser. Schon wenige Stunden nach dem Start der Diskussion, die bis gestern auf immerhin 75 Beiträge kam, gewann auf Zeit-Online ein heftiger Streit um die Frage "Selber Schuld" die Oberhand. Hier ein paar Beipiele:
Wenn man auf "Klick mich jetzt" hereinfällt und sich nicht vorher über den Preis einer Leistung erkundigt, sollte man nicht jammern.
In Ihrem nächsten Artikel können Sie ja mal beschreiben wie das ist, wenn man sich in ein Lokal setzt, keinen Blick auf die Preise wirft, munter bestellt und sich nach der Mahlzeit über die Preise beklagt.
Bei jeder anderen Dienstleistung die man in Anspruch nimmt, informiert man sich im Vorfeld ja schließlich auch über die Preise, egal ob Frisör, Makler, Steuerberater oder Taxi. Warum einige Leute meinen, dies bei Mobilfunkdienstleistungen nicht tun zu müssen wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben.
… und einiges anderes auch. Sonst wüsste der Kommentator ja, warum man beim Frisör oder im Taxi nicht schnell mal 3.000 Euro zahlen muss. Auch wenn man im Vorfeld keinen Blick auf das Kleingedruckte geworfen hat. Und auch nicht im nicht-europäischen Ausland.
Beindruckend mit welchen Tricks einige Zeit-Leser der "Roaming–Falle" entwischen. Sie legen zum Beispiel im Ausland das Handy unter einen Blecheimer, kaufen vor Ort eine Prepaid-Karte, suchen zum Telefonieren ein Internetcafe auf, nutzen Wifi oder lassen – und das ist meines Erachtens der ganz ultimative Tipp – das Handy einfach ausgeschaltet. Dass wir da nicht gleich draufgekommen sind? Wir setzen gleich noch einen Tipp drauf: Warum überhaupt so weit wegfahren? Selber schuld – ist zu Hause doch auch schön.
Aber irgendwie war das mit Mobility, Connectivty, Global Collaboration usw. schon anders gemeint. Oder haben wir da was ganz falsch verstanden?
Das sehnsüchtige Warten ist vorbei: Er ist da, der Online-Brief. Es wird zwei Varianten geben: Einen reinen Online-Brief – es tut auch nichts zur Sache, dass andere neulich doch schon eine ähnliche Idee hatten, die unter dem Namen „E-Mail“ einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat – und eine Kombi-Version, die digitale und reale Elemente besonders elegant kombiniert: Der Absender übermittelt die Daten der Post online und diese werden dann von Postboten an den Empfänger zugestellt. Für einen Brief nach dem Hybrid-Modell wird die Post etwa 46 Cent verlangen, für den reinen Online-Brief 22 Cent. Nicht ganz zu Unrecht titelte die Computerwoche Anfang Februar: "22 Cent für (r)eine Email?"
Ja, natürlich, Medienbrüche existieren kaum mehr, einzelne Medien – ja die reale und digitale Welt – sind in einem fließenden Übergang begriffen. Klar, warum sollte man Briefe nicht online versenden? Eine durch ihre Plausibilität bestechende Idee. Man kann doch alles über Internet machen, SMSe per Email versenden, telefonieren über Skype, Zeitungen liest man auf dem iPad oder Skiff, Bücher auf dem Kindle, Twitter ist eine Art Online-SMS-Dienst – und übrigens können nicht nur die Glücklichen, die über ein internetfähiges Gerät verfügen, twittern... Nein, twittern kann man sehr wohl auch per Fax.
Und damit die ganze Palette der Medienübergänge abgedeckt ist, schlage ich folgende Dienstleistung vor: Twittern per Online-Brief in seiner Hybrid-Form – der Postbote kann dann, statt den Online-Brief auszudrucken und zuzustellen, sich an einen PC setzen und den Tweet ins Twitter stellen.
Manche Dinge sind so frappierend nahe liegend, dass man sich wundert, wieso darauf noch nicht schon längst jemand gekommen ist. Und natürlich hätte man auch selbst darauf kommen können.
Zum Beispiel Mobilität, der große IT-Trend – mobiles Internet, Handy, Smartphone, iPhone, iPad, iPod, Netbook usw. Bis auf weiteres brauchen bekanntlich alle diese Dinge Strom, den holen sie aus den netten kleinen Kästchen, bei denen hinten ein Kabel raushängt. Immerhin sollen bis 2012 die Mehrzahl aller Handys mit einheitlichem Netzteil ausgeliefert werden – also keineswegs verschwinden. Die übrigen Netzteile bleiben uns sowieso erhalten. Zu Hause hab' ich einen ganzen Container voll davon, und im letzten Urlaub war ich mit vier Netzteilen unterwegs. Netzteile befördern, das hat schon was Anachronistisches.
Warum also gibt es für all die Mobilteile keine Strominfrastruktur? Ein Netz von Ladestationen in Bahnhöfen, Flughäfen, Hotels usw. – Stromtanksäulen, bei denen vorne ein Kabel raushängt …
Telefonieren beim Autofahren ist nicht nur verboten (wenn auch nur für echte Handys und nicht für schnurlose Telefone), sondern auch gefährlich. Das gilt natürlich auch fürs mobile Twittern. Man sollte das besser nicht tun. Dazu müsste man aber das Handy ausschalten oder ruhig stellen oder zumindest nicht anfassen. Und das ist schwierig, das erfordert eine große Charakterstärke, die in unserem Zeitalter – ach! – nur noch wenige aufbringen. Wie schafft man es, 30, 40 oder gar 50 Kilometer lang nicht zu twittern, obwohl das Gerät doch in Griffweite liegt und getwittert werden will? Dieser Zustand schreit nach einer Lösung, aber im Blog-Zeitalter muss man da nicht lange herumschreien:
Endlich gibt es eine Lösung für diejenigen unter uns …, die meinen, beim Fahren twittern oder von mir aus auch nur telefonieren zu müssen. Die amerikanische Firma ZoomSafer hat eine Kombination aus Software und Service aufgesetzt, die automatisch die Verwendung eines Handys unterbindet, so bald sich der Besitzer mit mehr als 10 Meilen pro Stunde fortbewegt. (Quelle)
Genial! Absolut genial. Und ZoomSafer hat sogar an die twitternden Beifahrer gedacht. Sie können auch über 10 Meilen pro Stunde twittern, denn ZoomSafer verfügt über eine Funktion, mit der man als Beifahrer ZoomSafer wieder deaktivieren kann. Wenn man das durchdenkt, merkt man, wie genial das erst ist: Man kann hier nämlich, indem man das Einschalten wieder einschaltet, das Ausschalten abschalten und erspart sich so, das Einschalten auszuschalten. Man könnte natürlich gleich das Ausschalten einschalten, dann bräuchte man das Abschalten gar nicht erst Ausschalten, aber das wäre so was von uncool. Und nicht Web-basiert.
Eine interessante Anwendung der Handy-Ortung gibt es bei Google zu bewundern: die Echtzeitüberwachung von ganzen Straßennetzen. Wie immer im modernen Web ist die Technik altbekannt und der Begriff brandneu: “Crowdsourcing Traffic”. Es funktioniert ungefähr so: GPS-Handys werden metergenau geortet und daraus lassen sich Rückschlüsse auf den Verkehr ziehen. Bewegen sie sich schnell, ist der Verkehr flüssig (GRÜN); bewegen sie sich nicht, ist vermutlich Stau (ROT). Bei Google Maps sieht das dann zum Beispiel so aus:
Interessant wäre natürlich zu erfahren, wer schon wieder der Trödler ist, der ganz vorne den Stau verursacht, den wenn ich erwische ...
Deutschlands führender Blog, der Basic Thinking Blog, hat angesichts Crowdsourcing Traffic wohl ähnliche Zusatzideen und stellt die Sinnfrage: "Warum ist vieles von dem, was Google macht, auf der einen Seite ziemlich cool und nützlich – und auf der anderen Seite fast immer datenschutzrechtlich bedenklich?"
Mindestens einmal am Tag, suche ich mein Handy. Im Unterschied zu meiner Brille kann ich mein Handy anrufen: einfach dem Bimmeln nachgehen und siehe da ...
Sollte ein Handy aus dem Bimmelbereich geraten, sind etwas aufwändigere Techniken nötig. Mobiltelefone kann man bekanntlich orten – auf wenige Meter genau, wenn die Geräte über GPS verfügen, alle anderen Handys bis auf 300 Meter genau mittels der jeweiligen Funkzellen. Behörden, insbesondere Polizei und "Dienste" (hat hier nichts mit SOA zu tun), forschen mit dieser Technik schon seit längerem, allerdings weniger nach abhanden gekommenen Handys als nach den Aufenthaltsorten diverser Zielpersonen mit Handy in der Tasche. Aber es gibt auch einen privaten Bedarf an Handy-Ortung, so dass sich hier ein kleines, etwas schmieriges Geschäftsmodell entwickelt hat. Die Argumente mit denen diese Dienstleister potenzielle Kunden ansprechen sind schon bemerkenswert: "Orte deine Freunde über‘s Handy und finde raus an welchen Plätzen sie rumhängen!!!!!"
Eine gewisse Karo aus München ist da schon direkter; sie preist ihren Lieblingsorter auf dessen Website so an:
Das Geschäftsmodell hat freilich einen kleinen Haken: Handys heimlich zu orten ist nicht bloß unhöflich oder uncool, sondern richtig rechtswidrig (§98 TKG). Weshalb die Anbieter auch ein paar argumentative Verrenkungen einschieben. Mal soll es nur um das geklaute eigene Handy, mal um verlorene Kinder gehen. Absolut guter Zweck also, wobei man sich allerdings fragt, weshalb eine Website dann wohl "Partner Tracker" heißt.
Handylocator nimmt das ganz ernst und versichert, nachdem man zuerst ein wenig über die leider allzu oft berechtigte Eifersucht schwadroniert hat ("Was macht meine Frau gerade, kauft sie ein oder geht sie fremd?"): "Wir sprechen uns explizit gegen eine heimliche Handy Ortung des Partners oder der Partnerin aus." Eine nicht heimliche Ortung des Partners ist zwar eine ziemlich matte Angelegenheit: "Aber es wäre doch ein schöner Vertrauensbeweis, wenn man sich gegenseitig in gemeinsamer Absprache die Möglichkeit zur Ortung durch den jeweiligen Partner einräumt?" Immerhin, Humor haben die Leute.
Damit kommen wir zur ernsten Abteilung.
Peter Schaar, der Datenschutzbeauftragte der Bundesregierung, berichtete letzte Woche in seinem Blog über einen interessanten Selbstversuch. Schaar hatte vor einiger Zeit via Facebook Werbung für eine kostenlose Handy-Ortung erhalten und konnte nicht widerstehen, sich bei einem der Ortungsdienste anzumelden. Er gab also seine Handynummer, ein Pseudonym und eine E-Mail-Adresse in ein Web-Formular ein. Der Dienst schickte ihm daraufhin eine Freischaltnummer an sein Handy, die Schaar wiederum ins Internetformular eingab, woraufhin der Ortungsdienst aktiviert wurde. "Toll, es klappt, mein Handy ist geortet", freute sich Schaar, "und die auf der Website des Anbieters eingeblendete Karte von Google Maps zeigt meinen Standort auf etwa 20 Meter genau."
Wirklich toll, aber immer noch klar rechtswidrig: "Obwohl keine wirksame Einwilligung vorliegt und die Schriftform nicht gewahrt ist", so Schaar weiter, "wird das Handy geortet und die Standortdaten werden per Web an einen fiktiven Teilnehmer gesandt." Schaar will nun die Bundesnetzagentur einschalten und ein Bußgeldverfahren gegen die beteiligten Unternehmen anregen. Dem Fiskus winkt eine Zusatzeinnahme von bis zu 300.000 Euro.
Ergänzend haben wir selbst ein wenig recherchiert und festgestellt, dass die meisten Ortungs-Dienste die neuen Vorschriften tatsächlich auf ihren Websites nicht einmal erwähnen. Ein Rückmeldungs-SMS genügt für die Einleitung der Überwachung. Mit anderen Worten: Man kann jedes Handy orten, zu dem man sich kurzzeitig Zugang verschaffen kann. Die Frage "Kannst du mir mal dein Handy leihen?" gewinnt so eine ganz neue Dimension.
Offenbar sind für die Handy-Ortung durchaus einschränkende Vorschriften vorhanden – bloß die Anbieter kümmern sich nicht darum. Und darum scheint sich außer Herrn Schaar, den einsamen Streiter gegen den Datenmissbrauch, auch niemand groß zu kümmern. Sollen wir mal auf den Ausgang des Bußgeldverfahres wetten? Und nicht nur die zuständigen Behörden sind völlig entspannt: Seit Schaar seinen Selbstversuch am 19.08.2009 gepostet hat, also seit einer vollen Woche, wurde der Vorgang in der deutschen IT-Welt von überhaupt niemandem aufgegriffen, weder von herkömmlichen Medien, noch (soweit feststellbar) von der Blogger-Szene. Dabei sollten doch sowohl Peter Schaar als auch sein Blog hinreichend prominent sein. Irgendwie scheint es allen egal zu sein, dass es möglich ist, jedermann (wenn es sein muss gern auch mal an Gesetzen vorbei) nach Herzenslust auszuforschen. Wenn aber irgendwo ein Dienstwagen in Urlaub fährt, kommt das Land zwei Wochen nicht mehr zur Ruhe.
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